Zurück in die Zukunft.

Während ich gerade die Traueranzeige für meine FB-Seite verfasse, liegt neben mir die druckfrische FotoEasy, in welcher ich zusammen mit Jörg Nicht als Social Media Experte befragt werde. Dabei ist mir dieses Thema in den letzten Monaten immer fremder geworden.

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Will man die Massen begeistern, muss man diese auch zufrieden stellen. Und so sehe ich ausdruckslose, geschminkte Models mit tiefen Ausschnitten und großer Retrobrille (wahlweise mit silbernem oder goldenem Rahmen), die mit mehreren Lichterketten eingewickelt vor einer Berglandschaft im Nebel sitzen und nur darauf warten, dass jemand sie “likt”. Unter dem Bild steht dann meistens ein tiefsinniger Spruch über Freiheit und Natur, immer gefolgt von einer Frage für die Zuschauer, um die Interaktion zu erhöhen. Was man schon seit Jahren aus dem Privatfernsehen kennt (Manuel Neuer ist a) ein Fußballer b) eine Torte?), gehört mittlerweile zu jedem “guten” Instagrambild.

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Aber immer öfter ist die Fotografie nur Mittel zum Zweck – teilweise mit erschreckender Perfektion. Sie ist wie ein schöner Popsong, den mag anfangs mag, mit der Zeit aber feststellt, dass er genauso klingt wie alle anderen, die einem nach und nach auf Spotify vorgeschlagen werden. Neue Dinge auszuprobieren wird in der Regel abgestraft, wohingegen vertraute Dinge immer wieder auftauchen wie Wespen im Sommer, sobald man den Grill angeworfen hat. Natürlich kann man Helene Fischer jedes Jahr 8 von 10 Echos verleihen, aber verpasst man so nicht die Chance die Welt ein bisschen bunter zu machen? Immerhin gibt es seit diesem Jahr den ersten orangenen Präsidenten. But that’s a different story, I guess.

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Als ich damals mit der Fotografie angefangen habe, war ich ziemlich naiv und mit mir mein ganzes Umfeld. Es ging nicht primär um Erfolg, sondern darum neue Dinge auszuprobieren, sich auszutauschen und ein Stück voran zu kommen. Schaut man sich die neue Generation an, wird perfekt kopiert was funktioniert. Bots liken automatisch Bilder der Zielgruppe und folgen und entfolgen nachts anderen Accounts, immer in der Hoffnung, dass am nächsten Morgen wieder neue Follower auf der Matte stehen. In großen Gruppen pusht man sich durch gemeinsame Kommentarorgien, um im Algorithmus nach oben zu kommen. Niemanden stört es, dass sich alles wiederholt: Die Motive, die Bearbeitung, selbst die Sprüche unter den Bildern. Alles was zählt ist der Erfolg.

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Auch in der Portraitszene sehe ich zu viele gescheiterte Regisseure, die nun Pornos drehen und versuchen es als Kunst zu verkaufen. Irgendwann beginnen sie durch die vielen Kommentare und Herzen selbst zu glauben, dass ihre Entwicklung doch ein Schritt nach vorne war. Aber eine nackte Wasserstoffperoxoid-Blondine, die sich lustvoll bei Gegenlicht in einem Pepsi-Shirt vor der Kamera räkelt, passt wohl einfach zu gut in diese Welt und ihren Zeitgeist, in der Gangstarap ganz oben in den Charts steht und Blumentöpfe sich aus dem Rampenlicht verabschieden. Seine Ohren kann man leider nicht zuklappen, wenn Kollegah wieder durch ein altes Samsunghandy in einem Hamburger Bus scheppert, aber zumindest seine Augen schließen. Dann träume ich mich in eine Welt, in der die Menschen Lichterketten an ihren Fenstern und Tannenbäumen belassen und sich Mario Barth nur im Olympiastadion aufhält, um nach den Spielen den Müll wegzuräumen … zumindest solange bis meine Haltestelle kommt.

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Und schon befinde ich mich wieder zurück in der Zukunft und im Jahr 2017. Ich bin sicher, dass die meisten da draußen große Pläne haben, großartige Shootings in Aussicht und man sicher gespannt sein darf was da noch so Großes kommt. Ich für meinen Teil sehe mich mitten in einer fremden Stadt mit aufgebrauchtem Datenvolumen. Googlemaps gibt mir nur alle 10 Minuten eine Richtungsangabe vor, an der ich mich so gut es geht orientiere und hoffe, dass ich den Weg schon irgendwie finden werde. Aber ganz egal wo ich auch stehen bleibe. Überall schreien sie “Free the nipple” während ich hier alleine “Free the face” rufe und durch meine Kopfhörer “Bettina, pack deine Brüste ein” erklingt. Irgendwo schmelzen weiterhin Gletscher vor sich hin, und zeitgleich finden sich immer weniger Bilder, die nicht mit Photoshop verflüssigt wurden.

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Ich werde trotzdem weiter machen und meine Kamera nicht aus der Hand legen. Ganz egal was ich in Zukunft auch fotografieren werde (keine Flugzeuge, soviel sei gesagt). Schließlich gibt es da draußen noch so viel zu entdecken. Vielleicht ist es auch an der Zeit meine Fühler ein Stück aus den Social-Media-Kanälen dieser Welt zurück ziehen und diesem Blog wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen (unabhängig davon, ob das hier jemand liest oder nicht). Eines Tages werden Sie vielleicht diese Fotos in einer Kiste auf einem Dachstuhl finden und ganz verwundert sein, dass die Menschen damals Kleidung anhatten. Was Vivian Maier geschafft hat, bekomme ich auch noch hin. Aber vielleicht hat 2017 auch etwas anderes mit mir vor. Wir werden sehen.

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Halbzeit

Fast sechs Monate sind seit meinem letzten Beitrag vergangen und ich werde das Gefühl nicht los, dass das Leben schneller an mir und meinem nicht vorhandenen Auto vorbeizieht als dies eine Limousine der Oberklasse auf der linken Spur zustande bekommt. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass das neue iPhone fast genauso aussieht wie seine Vorgänger. Schließlich wird insgeheim ständig von uns erwartet, dass wir uns neu erfinden und besser sind als im Jahr zuvor. Aber wenn nicht einmal Apple das schafft, darf man vielleicht auch selbst einmal den Fuß vom Gas nehmen und die Landschaft genießen.

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Anfang diesen Jahres wurde ich von Sony darüber informiert, dass ich mit einem meiner Fotos bei den Sony World Photography Awards 2016 als Commended photographer ausgewählt wurde und jenes Bild nun Teil der Ausstellung im Somerset House in London sein würde. Für einen richtigen Preis hat es leider nicht gereicht, da ich es nicht unter die ersten 10 geschafft habe. Es scheint als müsste ich weiterhin für die Sony A7R II sparen. Ob es diese Kamera überhaupt noch geben wird, wenn ich endlich das Geld dafür zusammen habe, sei dahingestellt. Bei diesem Thema bin ich jedoch genauso wankelmütig wie die meisten Fußballspieler bei der Wahl ihres Vereins. Sollte mir Leica ein gutes Angebot machen, unterschreibe ich einfach dort. Doch solange Barcelona keine Spieler aus der unteren Kreisliga verpflichtet, stehen meine Chancen mit einer gesponserten Kamera umherzuziehen ungefähr so gut wie ein 4-jähriger auf einer Slackline. 

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Apropos Wankelmütigkeit. Als im März diesen Jahres der letzte Schnee von den Dächern verschwand und die ersten Vögel wieder meinen Schlaf am Samstagmorgen störten, beschloss ich bei Sigma anzufragen, ob Sie nicht Interesse hätten mir das Sigma 50mm f/1.4 DG HSM Art für einen Test zur Verfügung zu stellen. Wenig später erreichte mich dann ein Paket aus Fernost (Berlin) und ich durfte ein neues Spielzeug ausprobieren sowie vier Artikel für den Sigma-Blog verfassen. Mittlerweile weiß ich schon gar nicht mehr, worüber ich im Juni eigentlich geschrieben habe – aber da die Zielgruppe vom Pokemon-Go-Spielen abgelenkt war, ist dies zum Glück nicht so wichtig. Wer mittlerweile jedoch Zapdos, Lavados und Artkos eingefangen und wieder Zeit zum Lesen hat, kann gerne den folgenden Links folgen:

Artikel 1: http://blog.sigma-foto.de/2016/06/aufzehengehen-jonas-hafner-und-die-portraitfotografie/
Artikel 2: http://blog.sigma-foto.de/2016/06/das-gesicht-vor-der-kamera-models-suchen-und-finden/
Artikel 3: http://blog.sigma-foto.de/2016/06/portraitfotografie-den-eigenen-weg-finden/
Artikel 4: http://blog.sigma-foto.de/2016/06/portraitfotografie-an-sich-selber-zweifeln-und-doch-nicht-aufgeben/

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Trotz fehlendem Auto habe ich dieses Jahr noch keine Schuhe gefunden, die groß genug für meinen ökologischen Fuß(Abdruck) gewesen wären. So bereiste ich Südfrankreich, das Baskenland in Nordspanien, Dänemark, Irland, Schottland, Santorini und eine kleine Inselgruppe mitten im Atlantik. Hier auf den Faröinseln verbrachte ich wie fast jedes Jahr eine Woche zusammen mit befreundeten Fotografen. Normen Gadiel hat über diese Zeit ein kleines Video gedreht, aber seht am besten selbst:

Faroewell from Normen Gadiel on Vimeo.

Auch einige deutsche Städte standen 2016 auf meiner Liste und so besuchte ich unter anderem Düsseldorf, Heidelberg, Frankfurt und Köln. In den beiden zuletzt genannten nahm ich an großen Instagram-Treffen teil. Insbesondere das Treffen in Frankfurt war wirklich toll organisiert. Wir bekamen sogar ein Hotelzimmer für das Wochenende gestellt und durften uns endlich einmal wie berühmte Fashion-Blogger oder Youtuber fühlen. Bibi bin ich trotzdem nicht über den Weg gelaufen, zumindest glaube ich das. 16-Jährige sehen für mich nämlich irgendwie alle gleich aus. Zurück zum Thema: Mit meiner Gruppe ging es zum Felsenmeer in den Odenwald, wo ich vor vielen vielen Jahren schon einmal mit meiner Kamera unterwegs war. Leider fehlte uns allen die IP68-Zertifizierung, aber wir versuchten trotz des Regens das Beste aus dem Tag zu machen. Als Hamburger ist Regen ja bekanntlich meine zweite Haut und wer nicht gerade weiße Sneaker trug, überstand den Tag auch unbeschadet. Aber wer trägt schon weiße Sneaker?

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Da meine Kamera (Nikon D800) während meines Aufenthalts auf den “Schafinseln” Probleme mit dem Autofokus hatte, schickte ich meine beiden Nikon-Objektive und das Kameragehäuse direkt nach meiner Rückkehr zur Inspektion. Als mich der Kostenvoranschlag von fast 550 Euro erreichte, freundete ich mich erst zuerst einmal mit dem Gedanken an, meine Ernährung fortan komplett auf Zwieback umzustellen. Nach einigem Hin und Her überwies ich dann schweren Herzens den Betrag bei Paypal. Durch die Neujustage funktionierte im Anschluss mein Sigma-Objektiv leider nicht mehr korrekt – sozusagen vom Regen in die Traufe. Ob dieses nun mit dem Dock, welches ich mir zusammen mit ein paar Freunden gekauft habe, richtig eingestellt ist, bleibt fraglich. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich meine Ausrüstung bis zum nächsten Jahr durch den Foto-TÜV gebracht habe und mich nicht in Kürze ein Totalschaden erwartet. Falls doch, könnte ich natürlich einen Kickstarter oder einen Spendenaufruf ins Leben rufen, während ich die Wartezeit mit Golfspielen verkürze. Da mich jedoch neulich eine Patientin fragte, ob ich überhaupt schon ein Arzt sei, stehen meine Chancen den Mitgliedsausweis des Golfclubs zu erhalten eher schlecht. Aus dem Traum mit lauter Musik im Golfkart die grünen Hügel auf und ab zu fahren wird also sobald nichts werden.

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2016 ist auch das Jahr der Photokina, auf der ich selbst noch nie gewesen bin. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, da ich als Amateurfotograf für den ganzen Technick-Schnick-Schnack sowieso viel zu leichte Beute bin. Und solange Siri meiner Aufforderung “Liefere mir eine neue Bildidee” nicht nachkommt und mir stattdessen den Wetterbericht anzeigt, warte ich lieber noch ein bisschen ab. Trotzdem hat meine kleine Kamerafamilie sein kurzem Nachwuchs bekommen, da ich mir eine Ricoh Gr II gekauft habe. Der ursprüngliche Idee war, dass ich nicht mehr überall hin meine schwere Spiegelreflexkamera mitnehmen muss. Irgendwie ist mein Plan aber nicht ganz aufgegangen, da ich nun meistens beide Kameras um den Hals hängen habe – jetzt fehlt nur noch eine dritte Kamera mit einem Teleobjektiv und eine Eintrittskarte für den Zoo… oder am besten gleich ein eigenes Gehege. Falls jemand Interesse an einem kleinen Testbericht über diese Kamera hat, kann er mich das gerne wissen lassen. Insbesondere wer auch mit der FujiFilm X70s liebäugelt, sollte sich auch diese Kamera einmal genauer anschauen.

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Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich das Coldplay-Syndrom habe und ständig etwas Neues ausprobieren will… obwohl das erste Album doch am besten klang. In der heutigen Welt fährt man eigentlich wesentlich besser, wenn man sich in seiner kleinen ökologischen Nische ausbreitet und lieber das macht, was man gut kann. Vielleicht fehlt mir einfach die Flexibilität den gleichen Weg wie damals zu beschreiten. Schließlich kann ich während eines Notfalls im Krankenhaus nicht einfach meine Kameratasche packen und sagen, dass ich das Wetter jetzt einfach ausnutzen muss.  Aber ich werde meine Kamera trotzdem nicht aus der Hand geben und früher oder später wieder einen Platz finden. Solange sitze ich als Pinguin am Strand und versuche das Beste daraus zu machen, mit Kopfhörern im Ohr und auf Spotify läuft das Album Parachutes von Coldplay. Und ja, Pinguine haben Ohren.

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Natürlich ist jedes Jahr ein Auf und Ab. Nicht alles was man anfasst, gelingt auf Anhieb oder überhaupt. Und trotz der ganzen Selbstoptimierung fehlen mir für viele Dinge schlicht und ergreifend die Zeit. Viele meiner Freunde habe ich dieses Jahr kaum gesehen und selbst meine Gitarre und meine Cajon haben Staub angesetzt. Und ja, es ist ein bisschen schade, dass ich dieses Jahr so wenige Portraits gemacht habe. Auch mein Grafiktablett fristet weiter sein trauriges Dasein in meiner Schublade und was ist nur mit den ganzen vielen Vorsätzen passiert, mich endlich einmal mit Photoshop auseinander zu setzen? Doch solange mein Leben keinen Slow-motion-Modus hat, werde auch ich nur die Hälfte der Dinge hinbekommen, die ich mir vorgenommen habe. Mein Kopf ist trotzdem voller Ideen für die Zukunft und ich bin gespannt, was noch passieren wird. Am Ende zählen schließlich auch die kleinen Schritte, die man geht. Hauptsache man bleibt in Bewegung, ganz egal ob es nun ganz steil nach oben geht oder bergab.

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Generation Läuft.

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Heute wird das Internet jeden Tag mit schönen und kreativen Bildern geflutet, sodass man es irgendwann wohl aufgegeben haben muss ein Tsunami-Warnsystem zu installieren. Alleine auf Instagram werden jeden Tag 80 Millionen Bilder hochgeladen – wie viele davon wirklich sehenswert sind, sei dahingestellt, jedoch ist es ein fast aussichtsloses Unterfangen in diesem Meer an Daten an der Oberfläche zu bleiben und nicht unterzugehen. Während ich im Wasser schwimme, entdecke ich Models, die ich einmal fotografiert habe, auf Werbeplakaten oder in Fernsehspots wieder, und sehe Fotografen um die Welt touren, mit denen ich vor nicht allzu langer Zeit noch zusammen ein Frühstück vor mir stehen hatte, das man selbst in Guantanamo keinem Häftling vorsetzen würde. Manchmal fühlt sich diese Welt selbst ein bisschen an wie ein Gefängnis, aus dem man aber gar nicht so richtig ausbrechen will. Schließlich sind die meisten Freunde hier, an manchen Tagen sieht man ja die Sonne und mittwochs gibt es zudem immer Pizza – und die ist nicht schlecht.

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Bilder alleine reichen heutzutage auf den Social- Media-Kanälen dieser Welt meistens nicht mehr aus, um eine kleine Welle zu verursachen. Selbst mein bestes Foto wird weniger Menschen als die x-te Gegenlichtaufnahme einer kleinen Fashionbloggerin erreichen. Denn auch wenn hier Bilder gezeigt werden, geht es nicht primär um das eigentliche Foto. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die Orte oder die Dinge, die drauf zu sehen sind. Manche Hamburg- oder Berlinbilder werden gerne gelikt, weil man sich beispielsweise mit der Stadt identifiziert. Landschaftsbilder von Bergen oder Stränden wecken genau wie schöne Hotelzimmer unser Fernweh. Einblicke in das Jetsetleben lassen uns von Reichtum träumen. Große Followerzahlen ziehen ebenfalls Leute an, so wie Helene Fischer weiterhin Alben verkauft, weil man ohne das Best-of-Album im Schrank gar nicht mehr dazu gehört.

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Während wir uns über Scripted-Reality-Shows lustig machen, verbringen wir unsere Freizeit damit das Leben der Internetprominenz zu verfolgen, ob nun auf Youtube, Snapchat, Instagram oder Facebook. Menschen wie du und ich, die es irgendwie geschafft haben. Und sie suggerieren uns das Gefühl, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir es auch schaffen. Doch dazu benötigt es nicht nur sehr viel Talent, sondern vor allem jede Menge Glück. 

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Aber will man wirklich eine Marionette der Werbeindustrie sein und Uhren in die Kamera halten, nur noch Bilder machen, von denen man weiß, dass sie den Geschmack der Masse treffen, oder einen Lebensstil vorgaukeln mit dem man weniger zu tun hat als Stuttgart mit sauberer Luft? Natürlich wäre es schön, wenn alles ein bisschen einfacher wäre. Man wünscht sich, dass es einfach “läuft”, so wie ein Fahrrad, auf dem man mit jeder Menge Rückenwind den Berg hinunterrollt. Stattdessen fragen sich die meisten, ob sie überhaupt vorwärts kommen. Neue Kameras und Objektive werden gekauft, immer im Glauben, dass man am Ende auch den Gipfel erreicht und die Aussicht genießen kann. Um ehrlich zu sein: Mit dem Geld, das ich bis heute mit der Fotografie verdient habe, konnte ich nicht einmal mein Equipment bezahlen. Ganz zu schweigen von der investierten Zeit, mit der ich wahrscheinlich noch ein zweites Studium hätte absolvieren können. Vielleicht wäre ich dann heute Arzt und Architekt. Wobei, dann würde ich wahrscheinlich den ganzen Tag Krankenhäuser planen und darüber nachdenken wie viele Besuchertoiletten wirklich notwendig sind. Und während die “Generation Läuft “bereits an einem vorbei zieht, steht schon die “Generation VR” in den Startlöchern.   

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Je mehr man in diesem Geflecht der sozialen Netzwerke verstrickt ist, desto mehr Zeit verplempert man mit Dingen, die einem eigentlich total egal sind. Irgendwann fing ich an meine Facebook-Seite zu vernachlässigen. Wäre sie eine Katze, hätten mich meine Freunde sicher schon überredet, sie doch endlich ins Tierheim zu bringen. Im Endeffekt muss man sich eines Tages entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Und so beobachte und bewundere ich weiter all die schönen Bilder da draußen, lerne interessante Menschen kennen und versuche mich weiter zu entwickeln. Ich habe aufgegeben auf ein Boot zu warten, das mich mitnimmt. Mir reicht inzwischen das Stück Holz, auf dem ich liege und umhertreibe. Und falls einem langweilig wird, springt man einfach ins Wasser, zieht dort seine Bahnen oder probiert endlich einmal das Schnorcheln aus. Solange mir kein Hai begegnet, ist doch alles gut. Vor ein paar Jahren hätte ich nicht einmal gedacht, dass ich überhaupt schwimmen kann. 

Test: Sigma 35mm 1,4 Art

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Das Sigma 35 mm 1,4 Art gehört schon ungefähr so lange zu mir wie mein Arztausweis, weswegen es an der Zeit ist, einmal über meine Erfahrung damit zu berichten. Wenn man an dieses Objektiv denkt, verbindet man (zumindest ging es mir früher so) meistens einen ganz gewissen Bilderstil damit: „Der-Morgen-nach-der-verrückten-Partynacht-mit-anschließendem-hemmungslosen-Sex-und-nun-sitzt-sie-in-die-Bildmitte-geklatscht-morgens-halbnackt-in-dem-viel-zu-großen-amerikanischen-Basketballpullover-mit-Baseballkappe-vor-dem-sonnendurchfluteteten-Fenster-in-der-Küche-auf-dem-Stuhl-mit-einer-Zigarette-in-der-einen-und-einer-Tasse-Kaffee-in-der-anderen-Hand-und-streckt-sich-so-in-die-Kamera-dass-man-ihr-individuelles-Tattoo-sehen-kann-und-schaut-einen-mit-dem-Blick-wir-sind-frei-und-uns-ist-alles-egal-auch-das-vsco-Preset-mit-welchem-das-Foto-bearbeitet-wurde-an-und-mittlerweile-weiß-man-gar-nicht-mehr-wer-das-Bild-überhaupt-aufgenommen-hat.“ Etwas kürzer gefasst: „Cro“-ig. Für manche ist dieser Zusammenhang bis heute ein Grund, weshalb es das Objektiv – trotz vieler positiver Rezensionen – nie aus dem Einkaufswagen bei Amazon bis vor die Haustür geschafft hat. Manche fahren aus den selben Gründen auch keinen 3er BMW, obwohl es sich höchstwahrscheinlich um ein gutes Auto handelt. Manchmal geht es eben nicht nur um Qualität, sondern auch um ein Image und einen gewissen Lifestyle.

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Ich ließ mich davon jedoch nicht abschrecken und so klingelte im Juli 2014 der Postbote an meiner Tür und drückte mir das lang erwartete Paket in die Hand. Zwei Tage später ging es unerwartet wieder zurück, denn der Autofokus traf weniger häufig als ich zu dem damaligen Zeitpunkt eine Vene. Trotzdem nahm ich mir vor dem ganzen Unterfangen einige Monate später eine zweite Chance zu geben. Anstatt es online zu bestellen, suchte ich dieses Mal einen Fotoladen auf. Glück sollte ich wieder keines haben: Der Autofokus meiner Kamera und das Objektiv wollten einfach keine Freunde werden. Also bekamen beide einen kostenlosen Urlaub spendiert und verreisten zusammen in einer gesicherten Transportbox in die Carl-Zeiss-Straße nach Rödermark, wo auch immer dieser Ort sein mag. Zwei Wochen später kamen beide gut erholt wieder bei mir zuhause an und endlich stimmte die Harmonie – und das ganz ohne Melitta.

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35 mm ist keine einfache Brennweite. Für Landschaftsaufnahmen fehlen einem immer ein bisschen Weitwinkel, wohingegen bei Close-Up-Portraits Gesichter leicht verzerrt werden. In dieser Welt dazwischen zeigt das Objektiv jedoch sein volles Potential. Die Freistellung, die Farben, das Bokeh und auch die Schärfe, die man hier beispielsweise bei Ganzkörperportraits erreichen kann, sind wirklich einzigartig. Mit ein bisschen Übung gelingen einem dann doch schöne Landschaftsbilder und mit dem richtigen Gesicht und ein bisschen mehr Abstand als gewohnt, sind auch Portraits ohne Probleme möglich. Trotzdem neigt man dazu, die Person sehr mittig zu zentrieren, da so der Bildeindruck oft stimmiger erscheint. Wer sich einmal anschauen will, was mit 35mm alles möglich ist, sollte sich unbedingt die Bilder von Marat Safin anschauen. Zwar benutzt er das Pendant von Nikon, die Bilder sind aber so oder so einen Blick wert: Marat Safin.

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In Zeiten, in denen man nicht einmal Lust hat die Verantwortung auf seinen Schultern zu tragen, wird ein Objektiv, welches mehr als doppelt so schwer und fast doppelt so lang ist wie das Nikkor 50mm 1,4G auch nach dem Kauf noch manchmal kritisch beäugt. Insbesondere auf Reisen sind mir das Objektiv und eigentlich auch meine Nikon D800 einfach eine Spur zu groß. So liebäugle ich momentan mit dem Kauf einer Fujifilm X70. Je älter man wird, desto mehr erinnert einen das Leben an ein Golfspiel. Befördert man anfangs den Ball mit irgendeinem Schläger in die Luft, passt man sich später der jeweiligen Situation an und zieht den passenden Lob Wedge aus der Tasche. Einen Caddie, der mein ganzes Kameraequipment trägt, habe ich bis heute leider noch nicht gefunden. Da fällt mir ein: Bis jetzt habe ich nur einmal in meinem Leben Golf gespielt, und zwar in Schottland. Es war dunkel, es regnete und ich hätte auf dem Platz gar nicht sein dürfen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich damals überhaupt den Ball getroffen habe.

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Apropos kalt und Regen: Ein Jahr nach dem Kauf traten draußen in der Kälte plötzlich Wasserflecken unter der Frontlinse auf, die auch nach längerem Warten nicht verschwanden. Kondenswasser auf der Frontlinse ist ein typisches Problem, welches bei kalten Außentemperaturen fast jeden Fotografen betrifft. Dass sich jedoch Wasser unter der Linse sammelt, hatte ich bis dato noch nicht beobachtet (und auch nicht allzu viele Informationen im Internet darüber gefunden). Dieses Problem führte dazu, dass ich das Objektiv nicht mehr einsetzen konnte und zum zweiten Mal über den Händler einschicken musste. Nach zwei Wochen bekam ich es mit der Anmerkung zurück, dass mit dem Objektiv alles in Ordnung sei. Nun wusste ich wie sich kranke Patienten fühlen, denen alle sagen, dass sie gesund sind. Doch anstatt von Arzt zu Arzt zu rennen, dokumentierte ich das ganze Problem mit Bildern und schrieb eine lange Email an Sigma. Wenig später befand sich das Objektiv wieder auf den Weg nach Rödermark. Mittlerweile glaube ich ja, dass das Objektiv einfach noch einmal dort Urlaub machen wollte. Während seines Aufenthalts wurde die Frontlinse getauscht und alles funktionierte wieder tadellos – von wegen gesund! Manchmal muss man im Leben einfach hartnäckig bleiben.

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Trotz der oben genannten Strapazen würde ich das Objektiv wieder kaufen. Welche Art Bilder man damit macht, hat man immer selbst in der Hand. Und auch wenn es noch ein bisschen dauern wird, bis ich damit so frei und ungezwungen fotografieren kann wie mit meinem 50mm, würde ich es nicht mehr hergeben wollen. Denn Stück für Stück fängt man auch an neue Dinge auszuprobieren, die davor so nicht möglich waren.

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Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen auch das Sigma 50 mm 1,4 Art einmal auszuprobieren. Ich bin gespannt, ob es am Ende des Jahres einen Platz in meiner Fototasche finden wird. Dort gibt es zwar weniger Platz als in der Frauenabteilung in einem H&M an einem Samstagmittag… aber mit solchen Problemen beschäftige ich mich erst, wenn es dann wirklich soweit ist.

Instagram – Das Tor zu einer anderen Welt.

Fast ein Jahr sind seit meinem letzten Eintrag auf dieser Seite vergangen. In Bloggerkreisen hätte man mich wahrscheinlich schon längst für tot erklärt. Doch ich lebe, wohne und arbeite nun seit einiger Zeit in meiner neuen Wahlheimat Hamburg. Nachdem ich meine Doktorarbeit fertig gestellt hatte, begab ich mich auf die Suche nach einer Stelle als Arzt und wie es meistens so ist, ging dann doch alles viel schneller als gedacht. Und wie war der Einstieg ins Berufsleben? Es ist ein bisschen wie mit jeder Sache, die man neu lernt, z.B. wie mit dem Fahrradfahren. Ist man anfangs noch froh, ohne Sturz mit Stützrädern um den Block fahren zu können, fährt man einige Jahre später freihändig durch den Verkehr, telefoniert mit dem Headset und hält in der einen Hand die Einkaufstausche. Ob man die Fotografie nun mit einer Einkaufstasche vergleichen sollte, sei dahingestellt; aber da man in 10 Monaten doch einiges eingekauft hat, ziehe ich nun meinen ersten “Haul” aus dem Beutel:

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Instagram – Ein Tor zu einer anderen Welt

Letztes Jahr habe ich mit ausführlich mit Martin (http://european-escape.blogspot.de/) über Instagram unterhalten. Vor diesem Gespräch verband ich damit nicht viel mehr als Essen, Selfies und Uhren, die aus allen möglichen Blickwinkeln in die Kamera gehalten werden. Einen Account hatte ich schon lange, war aber genauso aktiv wie die Hamburger Partygänger an einem Sonntagnachmittag. Als ich nach dem Gespräch dann immer mehr Accounts entdeckte, die mir eine neue Welt und auch Fotos zeigten, die ich so nicht kannte, wurde ich neugierig und nahm mir vor der ganzen Sache eine zweite Chance zu geben.

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Doch es ging mir nicht darum auch hier Follower anzuhäufen. Ich bin weder ein Fußballstar, ein Musiker, noch kann ich mich für Fashion begeistern. Damit spreche ich 99% der Instagram-Nutzer genauso an wie ein Mönch, der gerade sein Schweigegelübde abgelegt hat. Nein, ich wollte wirklich etwas Neues ausprobieren. Da fällt mir ein: Ich habe schon viele Emails erhalten, in denen Leute mir sagten, dass sie es toll fänden, dass ich meinen Stil gefunden hätte und sie immer erkennen würden, welche Bilder von mir gemacht worden sind. Trotzdem oder genau deshalb wollte ich mich einer neuen Herausforderung stellen. Also begann ich meinen Account aufzuräumen, nahm meine Kamera in die Hand und begab mich auf die Suche nach neuen Motiven.

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Anstatt abends durch Facebook oder Flickr zu scrollen, klickte ich mich nun auf Instagram durch viele wunderbare Bilder. Ich traf mich mit Freunden und begann meine Stadt neu zu entdecken. Gebäude, Tore, Treppenhäuser und viele andere Dinge, die ich bis dato nie beachtet hatte, dienten plötzlich als Kulisse. Auf meinen Streifzügen lernte ich so immer mehr von der Perle im Norden kennen, sodass ich sicher bald als Touristenführer arbeiten könnte.

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Irgendwann wurde ich dann auf ein kleines Treffen eingeladen, und so öffnete sich das Instagram-Tor langsam aber sicher immer weiter. Jede Welt hat ihre Eigenheiten und ihre eigenen Regeln. So gibt es viele, denen es wichtig ist, ihre Fotos ausschließlich mit ihrem Smartphone aufzunehmen, wofür ich volles Verständnis habe. Es ist ein bisschen wie die (Glaubens)Frage “digital oder analog”.  Von mir aus kann man auch mit Autoscheinwerfern und einer Lochkamera fotografieren – schöne Bilder sind selten vom Equipment abhängig. Man sollte andere nur nicht für ihr Werkzeug verurteilen – Hauptsache jeder hat Spaß an dem, was er tut.

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Und ja, es gab natürlich auch kritische Stimmen von Leuten, denen die Portraits wesentlich besser gefallen. Aber vielleicht hätten diese Leute bei meinen ersten Bildern auch gesagt, ich solle doch lieber etwas anderes machen (wer weiß, vielleicht wäre ich dann heute jedes Wochenende beim Kitesurfen). Ich habe auf jeden Fall viele nette und interessante Menschen kennen gelernt und freue mich auf das, was noch kommen wird. Oder um es wie Clueso zu sagen “Immer wenn ich was neues ausprobier’, laufe ich wie barfuß über Glas. Doch ich fühl mich federleicht, weil es sich fast immer lohnt. Und so erscheint, das nichts so bleibt wie es ist; fast schon wie gewohnt.”

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Ich hoffe ich finde 2016 wieder mehr Zeit für die Fotografie, auch für viele neue Portraits, Reisen, Workshops und Meetups. Und wenn nicht, habe ich schon einen neuen Vorsatz für 2017.

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Test: Leica Monochrom

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Ursprünglich veröffentlicht am 02. April 2015 auf kwerfeldein.de:

Ich weiß gar nicht mehr, was mich eigentlich dazu bewogen hat, die Leica Monochrom zu testen. Reizte mich der Gedanke, einmal in jene elitäre Welt einzutauchen, in der ein einzelnes Objektiv mehr kostet als meine gesamte Fotoausrüstung? Etwas nicht haben zu können, weckt schließlich Begehrlichkeiten.

War es die Kompaktheit dieser Vollformatkamera, die mich ansprach oder einfach nur der Wunsch, wieder einmal ins kalte Wasser geworfen zu werden? Was es auch gewesen sein mag, irgendwie landetete die Kamera am Ende in meinen Händen.

Nachdem ich alles ausgepackt und das Summicron-M 50mm f/2 aufgeschraubt hatte, fiel mein Blick auf die beiliegende Preisliste. Noch gäbe es die Möglichkeit, das Paket aus Wetzlar zu verscherbeln und sich von dem Geld eine Südseeinsel zu kaufen. Aber dann hätte ich ja wieder keine Leica. Und Sand mag ich eh nicht.

Nicht mehr lange und es würde dunkel werden, weshalb ich den Sandgedanken beiseite schob, das kleine Lederband durch die passenden Ösen fädelte und mich auf den Weg hinaus in den Schnee machte. Ich hatte keinen Testbericht gelesen, hatte noch nie eine Leica in der Hand und bereute es plötzlich, mich ausgerechnet in dieser Kälte mit der Bedienung auseinandersetzen zu müssen. Memo an mich: Kameras nur noch im Sommer testen.

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Da stand ich nun im Schnee und suchte verzweifelt den Slot für die Speicherkarte. Das kann doch nicht so schwierig sein, dachte ich mir. Ist es aber doch: Um an die Speicherkarte und den Akku zu gelangen, muss man zuerst umständlich den schweren Metallboden entfernen. Dieser hakt sich übrigens nicht sonderlich gut wieder ein, sodass die Kamera des Öfteren die Warnmeldung „Bottom cover removed“ anzeigte und ihren Dienst verweigerte.

Vielleicht ist das schwere Metallstück aber auch dafür gedacht, sich im Notfall gegen Kameradiebe zur Wehr setzen zu können. Überhaupt ist die gesamte Kamera viel klobiger und schwerer als ich sie mir vorgestellt hatte.


Das viele Metall macht sich übrigens auch bei kalten Temperaturen schmerzhaft bemerkbar – allerdings an den eigenen Händen und nicht am Hinterkopf von Dieben. In diesem Moment bereute ich meine getroffene Entscheidung und wünschte mich doch an einen Strand mit Palmen – am liebsten irgendwo auf Hawaii. Aber Wünsche gehen selten in Erfüllung und so musste ich mich für den Augenblick mit dem „ewigen Meer“ in Ostfriesland begnügen.

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Beim ersten Blick durch den Messsucher schlug mein Spielkindherz plötzlich schneller. Im Zentrum befindet sich ein helles, kleines Feld, das sich durch Drehen des Fokusrings mit dem umliegenden Bereich in Deckung bringen lässt (Mischbild-Entfernungsmesser). Gelingt dies, ist es Zeit, den Auslöser zu drücken. Auch wenn es ein bisschen Übung erfordert, macht das Ganze wirklich Spaß.

Man wird gezwungen, sich mehr Zeit zu nehmen. Für Sportfotografen wäre das wahrscheinlich schon jetzt ein KO-Argument. In meinem Fall bin ich jedoch dankbar für jedes Hindernis, das sich mir in den Weg stellt. Ich fühlte die gleiche Entschleunigung, die auch die analoge Fotografie mit sich bringen kann. Vielleicht ist das Problem heutiger Kameras einfach, dass sie uns zu viele Möglichkeiten bieten und uns vom Wesentlichen ablenken.

Zeit für alle Apple-Jünger, nach einer Kamera aus Cupertino zu schreien. Doch bevor Herr Cook ins Kamerageschäft einsteigen kann, muss sein Team wahrscheinlich erst einmal das neue Auto und den seit Ewigkeiten geplanten Fernseher auf den Markt bringen. Die Idee eines App-Stores auf meiner Kamera behagt mir zudem nicht sonderlich.

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Zurück zum Apfel der Kamerahersteller und der Leica Monochrome: Der Mischbild-Entfernungsmesser hat auch einige Nachteile. Hat man keine klaren Strukturen als Leitlinie zur Verfügung, vermisst man doch die Messfelder der eigenen Spiegelreflexkamera. Man tendiert dazu, die zu fokussierenden Objekte sehr zentral anzuordnen, um das Bild überhaupt scharf zu stellen.

Der Messsucher zeigt übrigens weit mehr als nur das eigentliche Bild an, woran ich mich auch erst gewöhnen musste. Bilder im Hochformat aufzunehmen ist möglich, jedoch liegt die Kamera dann sehr ungünstig in der Hand.


Die Schärfe der Bilder ist wirklich beeindruckend. Bedenkt man, dass man durch die manuelle Fokussierung für diese mitverantwortlich ist, gewinnen die entstandenen Fotos noch einmal an Wert. Beim Einsatz von direktem Sonnenlicht auf Haut liefert die Kamera sensationelle Ergebnisse, die ich bis dato nur von der Analogfotografie kannte. Irgendwann fing ich auch an, in schwarzweiß zu denken und meine Motive gezielter auszuwählen.

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Der Dynamikumfang der Leica Monochrom ist in Ordnung. Nicht mehr und nicht weniger. Von meiner Nikon D800* bin ich aber Besseres gewohnt. Der Anschaltknopf dagegen ist viel zu leichtgängig und mit den Funktionen Single Shooting, Continous Shooting und Timer gekoppelt.

Nicht selten ist es mir passiert, dass ich nach dem Anschalten der Kamera auf den Auslöser drückte und der Selbstauslöser aktiviert war. Auch das 2,5″-Display ist in diesem Preissegment mit seiner für die heutige Zeit geringen Auflösung eine Zumutung.


Das Objektiv hat mich übrigens sehr beeindruckt. Die Größe, die Schärfe und das Bokeh sind wirklich eine Klasse für sich. Falls ich irgendwann einen 7000-Euro-Schein auf der Straße finden sollte, würde ich es mir sofort kaufen. Die Naheinstellgrenze des Objektivs ist mir mit 70 cm allerdings deutlich zu lang. Wer gern etwas vor die Linse hält, wird hier nicht auf seine Kosten kommen. Ohne Autofokus lässt sich die Kamera einhändig sowieso kaum bedienen.

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Die hier gezeigten Bilder bearbeitete ich mit Lightroom. Da man keine RGB-Kanäle zur Verfügung hat, bleiben einem bei der Nachbearbeitung nicht sonderlich viele Möglichkeiten. Anfangs war dies etwas frustrierend, aber hat man sich einmal daran gewöhnt, freut man sich über die gewonnene Zeit. Die Leica Monochrom hat auf jeden Fall viel Potential und ich bin schon jetzt auf den Nachfolger gespannt, der in Kürze erscheinen soll. Dass dieser billiger sein wird, darf bezweifelt werden… dass ich bis dahin reicher bin, auch.

Fazit: Wer mehr Geld auf dem Konto hat als Marco Reus Follower auf Facebook, scharfe Schwarzweiß-Bilder liebt, gern mit direktem Sonnenlicht fotografiert und auf der Suche nach etwas Besonderem ist, wird mit der Leica Monochrom sehr glücklich werden.


Für den Rest sei gesagt, dass die Welt in Farbe auch ganz schön sein kann, insbesondere ein Sandstrand mit azurblauem Wasser. Wer Sand in der Badehose gar nicht mag, kann auch versuchen, alte Leica-Objektive an eine Sony A7R zu adaptieren, bis man als Youtube-Star endlich durchstartet und Geld keine Rolle mehr spielt.