Bis heute habe ich nicht verstanden, warum sich Leute freiwillig für 14 Euro einen Horrorfilm im Kino anschauen, wenn sich die doppelte Portion an Schrecken in einer der vielen TFP-Fotogruppen auf Facebook quasi umsonst erleben können. Oder wer von euch hätte nicht Lust den 55-jährigen arbeitslosen Hans-Peter alleine um 4 Uhr nachts für ein Teilaktshooting in einem Parkhaus am Stadtrand zu treffen? Wem das nicht ausreicht, bekommt in der Onlinewelt gerade täglich Warnmeldungen zum Thema DSGVO angezeigt. Hierbei handelt es sich um eine Art digitalen Ebola-Ausbruch, vor dem niemand wirklich sicher ist – selbst die besten “Lifehacks” erscheinen wirkungslos.

Zum Glück haben die Berliner Dinkelmütter nach Avocados und Rippen-Tattoos (vorzugsweise Sternbilder oder kleine Roamer-Motive) nun das Thema Slow Fashion für sich entdeckt. Endlich kann man sich jeden Tag ein neues Outfit besorgen, ohne deshalb gleich ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und sollte man sich aus Geldnot doch für die dunkle Fashionseite entscheiden, finden sich auch hier genügend Argumente, die den eigenen Weg rechtfertigen. Oder sterben etwa nicht täglich mehr Menschen in deutschen Krimiserien als in indischen Textilfabriken?
Aber selbst der monatliche Besuch bei H&M dürfte für viele Großstadtkinder bereits eine finanzielle Grenzerfahrung darstellen. Als audiovisuelle kreative Juniorchefin in einer internationalen Promo-Branding-Agentur reicht der mickrige Gehaltscheck bekanntlich gerade einmal für die 11,4 Liter reinen Alkohol, die in diesem Land jedem jährlich zustehen.

Nicht mehr lange und die Teilnahmegebühr der vielen Fotowettbewerbe ist höher als der eigentliche Gewinn. Selbst die Vogue verpflichtet in ihrem aktuellen Contest, bei welchem Nachwuchsfotografen gesucht werden, den Gewinner oder die Gewinnerin die An- und Abreise aus eigener Tasche zu bezahlen. Die DSDS-Mentalität verlagert sich also zunehmend ins World Wide Web. Verbrachte man früher für Ruhm und Geld eine Nacht mit Dieter Bohlen in einem Kölner Hotelzimmer (Generation Y) oder einige Jahre später mit Thomas Hajo in München (Generation Z), steht man heute vor dem grünen Bus am Z.O.B. und zeigt hier dem Fahrer seinen QR-Code, um endlich die 10-stündige Fahrt nach Berlin antreten zu können.
Ein bisschen cray ist das schon, was Leute mittlerweile alles tun, um trill zu sein (Du hast diesen Satz nicht verstanden? Willkommen im Club!). Immerhin muss man heutzutage kein Gesangstalent mehr sein, um bei den About You Awards, wo jedes Jahr die besten Staubsaugervertreter ausgezeichnet werden (sozusagen der ECHO der Influencer-Welt), auf der Bühne zu stehen.

Wie im Profifußball ist kurz nach der 30 auch in diesem Business irgendwann der Zenit überschritten, da die untreue und jung bleibende Zielgruppe bereits angefangen hat sich nach neuen Idolen umzusehen. Oder um es wie Dendemann zu sagen: Der Zahn der Zeit nagt und nagt. Während in der Sportwelt aus solchen Menschen TV-Experten und Trainer werden, gibt es im Social-Media-Pendant meistens ein Level-Up zur Netmom. Exploriert man anfangs noch den Markt der Babyartikel, stecken viele junge Mütter ihre Kinder dann in vollem Make-UP, ausgestattet mit Extensions und falschen Fingernägeln in gesponserte Designerklamotten und lassen sie in der Manege gegeneinander antreten… und der ganze Zirkus beginnt wieder von vorne.

Ja, der Anfang ist nah. Während Hans-Peter in Hamburg gerade im Baumarkt Requisiten für das nächste Shooting in den Einkaufswagen legt (eine Axt und eine Schaufel), bewirbt eine 23-jährige auf ihrem Kanal die Mud Detox Mask von Coco Clear mit einem nur heute gültigen Rabattcode. Just in diesem Moment spiegelt eine Roamerin (zur Veranschaulichung Frau K. genannt) eines ihrer alten Eibseebilder und ändert später noch die Farbe der abgebildeten Regenjacke von gelb auf rot, um den vielen Followern endlich etwas Neues zeigen zu können (natürlich mit der Location “Planet Earth”, damit niemand ihre kreative Bildidee stehlen kann).
Anstatt in das kühle Wasser vor der Zugspitze tauchen meine Zehen in die Millionen Sandkörner des Elbstrandes ein. Arm und zufrieden werde ich hier noch eine Weile sitzen und mit einem Lächeln im Gesicht den Hamburger Sommer begrüßen. Riesige Containerschiffe ziehen an mir vorbei und sorgen für kleine und große Wellen am Ufer. Eigentlich ist alles wie immer. Irgendwie beruhigend.