Gratwanderung

Aus dem goldenen Herbstwald führt mein Weg durch den kalten Novemberregen an das eisige Elbufer jener Stadt, die im Glücksatlas der Bundesländer dieses Jahr den dritten Platz für sich beanspruchen konnte. Inzwischen habe ich aufgegeben meinen Live-Standort zu teilen und hoffe nicht der Einzige zu sein, der heute im dichten Blognebel, mit seiner Kamera an der Leine, spazieren geht.

Sony A7 R3 – Sony 50mm 1,4 | @maren_reith

Hier draußen suche ich immer noch nach diesen seltenen NBD-Momenten in der Fotografie – was bei der schier unglaublichen Zahl an kreativen, hochwertigen Bildern im Netz aber zumeist ein aussichtsloses Unterfangen darstellen dürfte. Und während andere mit einem ganzen Team und großem Budget ihre Hochglanz-Kampagnen oder Kunstprojekte fotografieren, laufe ich mit meiner Kamera und einer abgerockten Ikea-Tüte (gefüllt mit irgendwelchen sonderbaren Requisiten) über den nassen Sand vor den Toren der Hansestadt.
Ja, mein Leben bleibt weiterhin eine Gratwanderung zwischen diesem verrückten und zeitintensiven Hobby und dem ganzen Rest. Trotzdem erfreue ich mich an jedem Bild, das am Ende auf meiner Speicherkarte oder in einer Filmdose landet. Umso schöner ist es, wenn man diesen Weg gemeinsam mit anderen Menschen bestreiten kann, denen es ebenfalls um mehr geht als um Klicks, Reichweite und Geld.

Sony A7 R3 – Sigma 138mm Art 1,8 | @isabellabubolaphoto

Von Letzterem hätte wohl gerne die VG Bild-Kunst mehr auf ihrem Konto und so verschickte sie kurzerhand Rechnungen an Amateurfotografen, die im Rahmen eines Fotowettbewerbes der Stadt Hamburg auf Instagram Bilder der BluePort-Installation veröffentlichten. Es scheint, dass auch im Jahr 2019 das Internet noch für viele Neuland ist. Am Ende waren in den verantwortlichen PR-Abteilungen jede Menge Überstunden vonnöten, um den medialen Shitstorm einzudämmen und den wütenden Stativ-Mob zu beruhigen.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @mademoments_ und @atichyphobe

Bevor ich mich jedoch bei den Fotodaddies einreihe und blaue Lichter auf dem Display festhalte, plane ich lieber weitere Ausflüge in die analoge Welt.
Vielleicht erweitere ich deshalb meine Kamerasammlung demnächst um eine Pentax 67 – natürlich mit dem SMC 105 mm, um ausreichend Hipster-Punkte zu sammeln. Grundvoraussetzung für diese Investition wäre jedoch, dass mein in Flaschen verpacktes Badewasser ähnlich reißenden Absatz findet wie bei dem rosa Porno-Delfin. Alternativ könnte ich es den ganzen vollbusigen Instamodels gleich tun und jedem meiner Geldgeber/innen bei Patreon Zugang zu einer privaten Premium-Snapchatgruppe gewähren, sozusagen als „exclusive perk“ und hoffen, dass es am Ende auch noch für eine Leica M6 und einen Belichtungsmesser reicht.

Sony A7 R3 – Zeiss Batis 85mm 1,8 | @maren_reith

Aufgrund meiner geringen Körbchengröße (was kommt vor A?) sollte ich mich aber lieber nach einem passenderen Job umschauen, der auch ohne tiefen Ausschnitt etwas Geld abwirft. Zum meinem Glück sind gerade zwei interessante und gleichzeitig lukrative Stellen frei geworden. Da wäre zum einen die Stelle als Mercedes Team Fotograf, die bis vor kurzem Paul Ripke ausüben durfte, aber in Zukunft nicht mehr ausüben will.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @maren_reith

Sollte wider Erwarten meine Bewerbung abgewiesen werden (wahrscheinlich fehlt mir hierfür am Ende der rote Punkt auf meiner Mappe), stünde alternativ die ehemalige Stelle von Duygu Ö. zur Verfügung. In ihrem Wohnzimmer könnte ich ganz entspannt Hyaluronsäure in die Lippen zahlungskräfitger Influencerinnen spritzen – natürlich unter Einhaltung aller Hygienestandards. Schließlich will ich ihr nicht die nächsten fünf Jahre im Gefängnis Gesellschaft leisten.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @caroline_hartig

Egal wofür man sich am Ende entscheidet, wichtig ist und bleibt für mich nur, dass es irgendwie vorangeht – egal wie, egal wohin und egal womit.
Mittlerweile glaube ich jedoch, dass es mehr Verbotsschilder für E-Scooter als E-Roller in Deutschland gibt (Selbiges gilt für Drohnen, deren Besitzter man in Kürze mit der passenden Smartphone-App vom Boden ausfindig machen kann). Und während die einen Bäume pflanzen und Plastiktüten aus dem Meer fischen, werfen andere die bunten Roller von TIER, Circ, Voi und Lime aus blinder Zerstörungswut in den nächstgelegenen Fluss. Ich habe schon lange aufgegeben alles zu verstehen.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @caroline_hartig

Soll der Rest da draußen sich ruhig auch in Zukunft Schlüssler Salze auf ihre Süßkartoffelpommes streuen, in SUV-Kolonnen ihre Kinder zur Walddorfschule fahren, auf einem Choaching-Seminar in Ekstase verfallen oder im Social-Media-Bereich Sexismus als Kunst verkaufen.
Ich reise lieber so weit wie meine Vorstellungskraft reicht und wundere mich, warum man immer noch seine eigenen Beiträge liken kann.


Herbstmärchen

Der letzte Blogpost ist fast schon wieder so lange her wie der Erdüberlastungstag. Doch wer nun denkt, ich wäre beim Aufnahmeversuch eines Selfies (wohlgemerkt nicht Slofie) meinem Geschlecht entsprechend in das Sommerloch gefallen, um nun wie ein Phönix aus der Asche mit einer eigenen Masterclass wieder auf der digitalen Bildfläche zu erscheinen, der irrt. Ich habe in den letzten zwei Monaten auch kein Haus in Schweden gekauft, um dort im „besoffen bei Facebook“-Stil mit kruden und gefährlichen Thesen um mich zu werfen.

Sony A7 R3 – Sony 50mm 1,4 | @maren_reith

Dabei könnte ich mich mit einem Anwesen über dem Polarkreis durchaus anfreunden – ob nun in Schweden, Norwegen oder Finnland sei erst einmal dahingestellt. Zur Refinanzierung baue ich dann auf meinem riesigen Grundstück einen Theme-Park aus ver­schie­den­far­bigen, großen und kleinen A-Frame-Hütten und schaffe so das skandinavische Pendant zum Hideout Bali, während ich als reicher Superhost in meiner Hängematte liege und die Sonne genieße.

Sony A7 R3 – Sony 50mm 1,4 | @isabellabubolaphoto

In meinem kleinen, nordischen Paradies muss ich mir dann hoffentlich auch nicht mehr anhören wie Pärchen aus Hamburg eine Kreuzfahrt in die Karibik (oder in einigen Jahren nach New York in einem Titanic-Nachbau) mit ihrem veganen Lebensstil rechtfertigen. Ohne Doppel-D (Digital Detox) werde ich den Eigenheiten dieser Welt aber auch fernab jeglicher Zivilisation nicht entfliehen können. Aber will ich das überhaupt? 

@maschall_arts@mademoments_ | @maren_reith 

Als vor nicht allzu langer Zeit ein Kandidat der Küchenschlacht nach seinem Beruf gefragt wurde und diesen mit „Feel Good Manager“ betitelte, war ich mir erst nicht sicher, ob man seine Profession nun im Rotlicht-Milieu oder in der Welt der Scheinanglizismen einordnen sollte. Ohne Internet würde ich weiterhin über diese Frage rätseln – eine wahrlich schreckliche Vorstellung.

Sony A7 R3 – Sony 55 mm 1,8 | @maren_reith

Auch hätte ich ohne den Anschluss an die digitale Welt die Sommermonate nicht mit so vielen großartigen  Menschen in Norwegen oder anschließend im brandenburgischen Niemandsland verbringen können (#antlesssummer) – neben der Arbeit im Krankenhaus der eigentliche Grund meiner Blogabstinenz. Denn viele vergessen beim ganzen nach rechts und links wischen und der großen Menge belangloser Serien, dass man nirgends so einfach Gleichgesinnte findet, mit denen jeder noch so kleine Ausflug zu einem Abenteuer werden kann. Und man mag es kaum glauben, aber hier draußen, ohne Netzempfang, sehen die Wolken wirklich jeden Tag anders aus.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @bekeaful

Man muss sich also keine Sorgen machen, dass ich in naher oder ferner Zukunft meine digitalen Zelte abbaue. Bevor ich einen solchen radikalen Schritt wage, müsste ich sowieso erst einmal alle Webcams in meiner Wohnung mit Panzertape abkleben, mich von meiner Spotify-Herbstlieder-Liste verabschieden und wieder lernen in Geschäften einzukaufen. Für letzteres hätte ich gerne die Zeit, aber die nächste Reise steht schon vor der Tür, sodass der hoffentlich bald besser bezahlte DHL-Bote diesen Job übernehmen muss.

Sony A7 R3 – Sony 55mm 1,8 | @isabellabubolaphoto

Aus der herbstlichen Toskana geht es dann zurück in das bald winterliche Hamburg. Die Chancen auf Schnee stehen dieses Jahr übrigens gar nicht schlecht, auch wenn das besagte weiße Pulver wohl eher bei der Weihnachtsfeier der Hamburger Polizei von der Decke in die Nase des Chief Happiness Officers rieseln dürfte, und nicht auf dem kalten Asphalt landen wird.


Grauzone

Weiterlesen


Die letzte Wiese

Weiterlesen


Meer oder weniger

Weiterlesen


Privacy Settings
We use cookies to enhance your experience while using our website. If you are using our Services via a browser you can restrict, block or remove cookies through your web browser settings. We also use content and scripts from third parties that may use tracking technologies. You can selectively provide your consent below to allow such third party embeds. For complete information about the cookies we use, data we collect and how we process them, please check our Privacy Policy
Youtube
Consent to display content from Youtube
Vimeo
Consent to display content from Vimeo
Google Maps
Consent to display content from Google
Diese Webseite verwendet Cookies. Bei der weiteren Nutzung gehen wir von deinem Einverständnis aus.