Nachdem Deutschland 2019 mehr Waffen exportiert hat als je zuvor, sich “Avengers: The Endgame” erfolgreichster Film aller Zeiten nennen darf und fast 6 Millionen Boomer gerade rechtzeitig zum vorzeitigen Rentenbeginn die XXL-Weihnachtsshow von Helene Fischer auf ihren Fernsehbildschirmen verfolgten, habe ich zugegeben etwas Angst, was uns in Zukunft erwarten wird.
Bis mir aber VR-Brillen eine bessere Welt vorgaukeln können, entfliehe ich, ganz ohne Erfolgscoach oder eigenem Wikipedia-Eintrag, dem Comfort-Binge sowie der immer lauter werdenden TikTok-Uhr und steuere das Blog-Raumschiff wie versprochen in den analogen Orbit.

Nikon F65 + Sigma 35 mm 1,4 Art / Kodak Gold / Entwicklung und Scan bei Foto Kotti in Berlin. Model: @maren_reith

Bevor ich beleuchte, warum es mich wieder in den dunklen Teil der Foto-Galaxie verschlagen hat, gilt es erst einmal die weniger positiven Aspekte von Negativen aufzuführen. Denn nicht alles was glänzt, ist Kodak Gold und im Rahmen des Medienhypes verdrängen viele, dass die analoge Welt nicht nur aus süßen Filmdosen besteht (Anmerkung: Diese eignen sich auf Reisen übrigens ausgezeichnet zum Aufbewahren von Waschpulver!), sondern mehr Nachteile mit sich bringt als einem lieb sein mag:

  • das mit der analogen Fotografie verknüpfte Hipster-Brimborium

  • teure Filme, die aufgrund der hohen Nachfrage vor Kurzem sogar noch teurer wurden (+ 30%)

  • Zeit und Kosten für die Entwicklung

  • Preisanstieg von analogem Equipment durch wachsendes Interesse bei gleichzeitig sinkendem Angebot (durch Verschleiß und Sammler)

  • Aufwand des Digitalisierens

  • Verlust von Bildinformation bei einer Unterbelichtung

  • man muss sich vor der Aufnahme zwischen Schwarz-Weiß und Farbe entscheiden, wenn man von der analogen Community nicht gesteinigt werden will

Ehe wir uns gleich der Pro-Film-Liste zuwenden können, tauchen wir im Rahmen eines kleinen Intermezzos in die Tiefen der Technik ein (keine Sorge, wir schnorcheln nur) und werfen einen Blick auf die gängigen Kamerasensoren.

Sensoren:

Jede Sensorgröße hat ihre Vor- und Nachteile. Je kleiner der Sensor, desto portabler das System. Ist man nicht auf eine geringe Schärfentiefe angewiesen und hat ausreichend Licht zur Verfügung, gelingen einem selbst mit den winzigen Smartphone-Sensoren wunderbare Ergebnisse. Durch diverse Software-Algorithmen brillieren diese immer häufiger sogar bei schwierigen Lichtverhältnissen, weshalb der Absatz von Kompaktkameras Jahr für Jahr kontinuierlich sinkt. 
Mit steigender Sensorgröße nehmen das Gewicht, die Größe und konsekutiv die Ausgaben deutlich zu. Der wohl beste Kompromiss dürfte für viele eine APS-C- oder Vollformat-Kamera sein. Aber auch ohne GAS (Gear Acquisition Syndrom) blickt man früher oder später MiB-like zu den Sternen und fragt sich, was da oben, in den tiefen des Kamera-Alls, auf einen wartet. 

Hasselblad 501c + Zeiss 80 mm 2,8 / Kodak Portra 160 / mittels Makroobjektiv (Sony 90mm 2,8 G) abfotografiert. Umwandlung in ein Positiv in Negative Lab Pro. 

Ginge es nach der Marketingmaschinerie japanischer oder schwedisch-chinesischer Firmen, dann wären dies wohl die Fujifilm GFX oder die Hasselblad X1D (II), denen man gerne den Premiumstempel Mittelformat aufdrücken würde. Formal betrachtet handelt es sich hierbei eher um aufgeplusterte Vollformat-Sensoren (Super Full Frame). Den neueren Phase One-Kameras dürfte man hingegen schon eher diese Bezeichnung zugestehen – hier befinden wir uns aber bereits in preislich unerreichbaren Galaxien. 
Am Ende der Skala (vorausgesetzt man erweitert diese nicht um Großformatkameras) stehen schließlich die analogen Mittelformatkameras, deren Belichtungsfläche noch einmal größer ist – am Beispiel der Pentax 67 um den Faktor 4,76 (im Vergleich zu einer Vollformatkamera).

Nikon F65 + Sigma 35 mm 1,4 Art / Kodak Gold / Entwicklung und Scan bei Foto Kotti in Berlin. Model: @madeleinebrunnmeier

Doch wie resultiert hieraus nun der sagenumwobene Mittelformat-Look und gibt es diesen überhaupt?
Vor dem analogen Zeitalter war die deutlich höhere Auflösung mit Sicherheit ein überzeugendes Argument auf Rollfilme umzuschwenken. Inzwischen besitzen digitale (Super) Full Frame-Sensoren jedoch Auflösungen von 50 bis 100 mp, die zum jetzigen Zeitpunkt mehr als ausreichend erscheinen und trotzdem weiter ansteigen werden. Bis sie schließlich den theoretischen Informationsgehalt eines Mittelformatnegativs erreichen (400 mp), dürfte gerade Fast & Furious 27 in den Kinos angelaufen sein. 
Damit kommen wir zum nächsten Punk, und zwar der oftmals proklamierten geringeren Schärfentiefe bei identischer Blende im Vergleich zu kleineren Formaten. So besitzt das für die Pentax 67 beliebte SMC 105 mm 2,4 beispielsweise das gleiche Gesichtsfeld (FOV) und die Schärfentiefe wie ein fiktives 52,5 mm Kleinbild-Objektiv mit einer Blende von 1,2 (siehe mmCalc). Leider gibt es im Mittelformatbereich selten Objektive, deren Blende größer als 2,0 ist, weshalb man diesen Vorteil durch das deutlich größere Angebot an lichtstarken Objektiven im 35mm-Bereich sehr gut kompensieren, ggf. sogar übertreffen kann (z. B. mit dem Mitakon Speedmaster 50 mm , welches eine Offenblende von 0,95 innehat). 

Nikon F65 + Nikkor 50mm 1,4G / Kodak Gold / Scan mittels Epson V700. Model: @marillamuriel

Warum sollte man dann also überhaupt eine (analoge) Mittelformatkamera in die Hand nehmen? 
Der größere Sensor oder die größere Belichtungsfläche sorgen (glaubt man den Experten) für eine bessere Tonwertgraduierung (Synonyme: Tonwertreichtum und Tonwertumfang), also glatteren Übergängen von Farben und Lichtern. 
Hierdurch kann es also durchaus gelingen, im Zusammenspiel mit den richtigen Objektiven, einen speziellen Mittelformat-Look abzubilden. Inwiefern dies dem zeitlichen und finanziellen Aufwand gerecht wird, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. 

Nikon F65 + Nikkor 50mm 1,4G / Kodak Gold / Scan mittels Epson V700. Anschließende Umwandlung in SW in Lightroom. Model: @ilonamareke

Da ich nicht Graf Nikolai von Bismarck heiße und mal eben mir nichts, dir nichts, 70.000 Euro für eine Phase One mit passenden Objektiven auf den Tisch legen kann, führt der einzige Weg nach oben über viele kleine Silberbromid–Kristalle.
Zum Glück hebt sich die analoge Fotografie im Mittelformatbereich nicht nur durch den deutlich günstigeren Anschaffungspreis für Kameras und Objektive von ihrem digitalen Nemesis positiv ab:

  • Höherwertige Farbfilme kann man in der Regel um mehrere Blenden überbelichten und dadurch für eine Weichzeichnung der Haut sorgen, ohne dass einem gleich die Highlights ausbrennen wie man dies von Digitalkameras gewöhnt ist. Filmaufnahmen sollte man übrigens besser über- als unterbelichten (Diafilme stellen hier eine Ausnahme dar).

  • Ihr müsst kein Geld für teure Lookslikefilm-Preset-Pakete ausgeben oder allzu viel Zeit in die Nachbearbeitung stecken. 

  • Das Experimentieren mit verschiedenen Filmen macht Spaß und sorgt für die ein oder andere schöne Überraschung.

Man sollte sich jedoch nicht von den vielen Versprechungen bekannter YouTube-Analog-Gurus blenden lassen. Nur, weil man plötzlich mit Negativen anstelle von Speicherkarten fotografiert, entstehen nicht automatisch bessere Bilder – Entschleunigung hin oder her. Gut möglich, dass die Ergebnisse anfangs sogar schlechter sein können als das digitale Pendant, weshalb viele ihre Canon AE-1 nach den ersten Abzügen bei DM oder Rossmann frustriert in die Ecke werfen und lieber dem Trend entsprechend ihren Instagram-Feed als Buch veröffentlichen.
Wer nicht aufgegeben hat, darf sich nun mit dem nächsten Punkt auseinandersetzen – vorausgesetzt man will die entstanden Werke einem größeren Publikum zugänglich machen.

Nikon F65 + Nikkor 50mm 1,4G / Kodak Gold / mittels Makroobjektiv (Sony 90mm 2,8 G) abfotografiert. Umwandlung in ein Positiv in Negative Lab Pro.  Model: @lisameyerfotografie@ilonamareke

Digitalisieren von Negativen:
Denn bevor man als Ehrenmann/Ehrenfrau die bis dato verbotenen Hashtags (#filmisnotdead #ishootfilm #filmandfriends #staybrokeshootfilm) verwenden kann, gilt es die gemachten Bilder zu digitalisieren.

Scan durch das Fotolabor:
Der bequemste Weg dürfte sicherlich der Scan durch das Labor sein, welches zugleich die Negative entwickelt hat. Je nach gewünschter Größe kann dies ein mitunter teures Unterfangen darstellen. Gute Ergebnisse zu einem mehr als fairen Preis bietet beispielsweise Foto-Kotti in Berlin. Bei vielen Anbietern bekommt man übrigens direkt einen Download-Link via E-Mail zugeschickt und kann die Negative zu einem späteren Zeitpunkt abholen oder sich zuschicken lassen.

Preise für Entwicklung und Scan (ca. 3500 × 2400 Pixel):

 Foto Kotti (Berlin)Jan Kopp (Hamburg)Foto Wiesenhavern (Hamburg)MeinFilmLab (Online)
SW: 35mm - 10 Euro
120 - 10 Euro
35mm - 24 Euro
120 - 21 Euro
35mm - 15 Euro
120 - 14 Euro
35mm - 18 Euro
120 - 17 Euro
Farbe:
35mm - 8 Euro
120 - 9 Euro
35mm - 22 Euro
120 - 19 Euro
35mm - 15 Euro
120 - 14 Euro
35mm - 16 Euro
120 - 15 Euro
Anmerkung: Bilder auf CD / Kein Download-Link.+ Kosten für Hin- und Rückversand

Stand Januar 2020

Flachbett-Scanner:
Natürlich kann man die erhaltenen Negative auch selbst scannen, beispielsweise mit einem Epson V700 (wie in meinem Fall). Dies ist jedoch sehr zeitintensiv und hat mich in den letzten Jahren eher davon abgehalten Filme in meine analogen Kameras einzulegen. Die Negative korrekt in die Scanner-Halterungen einzuschieben, erinnert bisweilen an ein anspruchsvolles Geschicklichkeitsspiel. Besteht man diese Prüfung, lassen sich mit Silverfast oder Negative Lab Pro aber sehr gute Ergebnisse erzielen. 

Negative abfotografieren:
Zu guter Letzt gibt es die Möglichkeit die entwickelten Negative abzufotografieren. Diese Methode erfreut sich einer immer größer werdenden Beliebtheit – und hierfür gibt es gute Gründe. Zum einen stehen viele verschiedene, zum Teil sehr preisgünstige Setups zur Auswahl und zum anderen ist dieser Prozess deutlich schneller als ein Flachbett-Scanner. Zudem könnt ihr, eine entsprechende Kamera vorausgesetzt, hohe Auflösungen erzielen. 

Mein Setup zum Digitalisieren von Negativen.

Reprostativ:
Für den typischen Aufbau kommt ein Reprostativ zum Einsatz. Dieses besteht aus einer Bodenplatte, einer Stativsäule und dem Stativarm, an welchem die Kamera befestigt werden kann. Wer hier Geld sparen will, schaut sich am besten auf dem Gebrauchtmarkt um (Ebay Kleinanzeigen / FB-Gruppen). Für überambitionierte Bastler ist alternativ der Gang in den Baumarkt eine Option – oder man bestellt online einen Selbstbausatz. Ein Reprostativ ist aber bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit sicher ans Ziel zu kommen. Egal, ob umgebaute Vergrößerungsgeräte, wackelige 3-Bein-Stative oder Schlittenkonstruktionen aus Aluminium – der eigenen Fantasie sind hier wahrlich keine Grenzen gesetzt. 

Kamera und Makroobjektiv:
Die Auflösung der eingesetzten Kamera definiert – wie könnte es anders sein – die maximal mögliche Größe eures abfotografierten Bildes. Wer kein Makroobjektiv zur Verfügung hat, kann auf Makro-Zwischenringe zurückgreifen. Dies geht in der Theorie mit gewissen Qualitätseinbußen einher. In der Praxis wird vor allem das Handling etwas erschwert.
Anschließend verbindet man die Kamera mit dem Computer und öffnet ein Programm, welches Tethering beherrscht (z. B. Lightroom oder Imaging Edge Desktop von Sony). Bei ISO 100 und mit förderlicher/optimaler Blende (in meinem Fall f 4 oder 5,6) stellt man (manuell) scharf und löst über die Software aus. Alternativ wird funk- oder kabelgebunden ausgelöst und die Bilder werden später von der Speicherkarte in Lightroom importiert. 

Nikon F65 + Nikkor 50mm 1,4G / Kodak Gold / Scan mittels Epson V700. Model: @marillamuriel

Filmhalter:
Gute, jedoch teure Filmhalterungen gibt es von Lomography (35 mm / 120 ). Das Einlegen von Negativen geht hier deutlich schneller von der Hand als bei meinem Epson-Scanner. Wer etwas Geld sparen will, findet sicher viele günstige Alternativen auf dem bekannten digitalen Marktplätzen. Zusätzlich zum Filmhalter lohnt sich die Investition von Arbeitshandschuhen aus Baumwolle, um die Negative nicht zu verschmutzen.  

Lichtquelle:
Als Lichtquelle verwende ich eine Leuchtplatte von Kaiser (Slimlite Plano). Diese garantiert eine gleichmäßige Ausleuchtung in einem Tageslicht-Temperaturbereich (5000 Kelvin). Manchen greifen hier stattdessen auf ein vorhandenes Tablet/Videolicht zurück oder verwenden einen Blitz. 

Hasselblad 501c + Zeiss 80 mm 2,8 / Kodak Portra 160 / Scan mittels Epson V700. 

Software:
In Lightroom setzt man den Weißabgleich auf den unbelichteten Randbereich, öffnet Negative Lab Pro, und wandelt das Negativ entsprechend den eigenen Vorlieben in ein Positiv um. Die Software bietet einem hier diverse Anpassungsmöglichkeiten.

Nikon F65 + Nikkor 50mm 1,4G / Kodak Gold / Scan mittels Epson V700.  Model: @lisameyerfotografie@ilonamareke

Mit etwas Glück seht ihr in eurem Ergebnis etwas Besonderes und seid mit diesem Gefühl vielleicht nicht einmal alleine. 
Denn auch wenn es sich manchmal so anfühlt als würde man stundenlang in der Küche (vor dem Scanner) stehen, während die geladenen Gäste den Abend lieber mit ihrem Thermomix (Insta-Loops) oder in einem Fast-Food-Restaurant (Bling-Bling-Photoshop-Bilder) verbringen wollen, darf man sich davon nicht unterkriegen lassen. Ich werde mir auf jeden Fall Mühe geben, den Löffel nicht so schnell abzugeben, um euch weiterhin auf meiner Reise durch die analoge Welt ein Stück mitzunehmen.