Es ist Mitte November und ich sitze wieder einmal viel zu früh am Hamburger Flughafen. Die Temperaturen auf dem Rollfeld sind nahe dem Gefrierpunkt, als die TAP-Stewardess endlich zum Boarding aufruft. Zur gleichen Zeit treten auch Michael (aus München) und Martin (aus Stuttgart) ihre Reise an. Beide treffe ich einige Stunden später vor dem Gate in Lissabon, von wo aus wir gemeinsam Richtung Westen weiterfliegen. Unser Ziel ist die kleine Vulkaninsel Madeira.
Schon im Flugzeug wird uns klar, dass wir den Altersdurchschnitt merklich senken und wahrscheinlich die einzigen Passagiere ohne Herzschrittmacher sind. Wobei… neben mir sitzen zwei Mädchen, die sogar ein bisschen jünger sind als ich. Während es für die eine der erste Urlaub seit 5 Jahren ist, will die andere partout nicht aufhören zu erzählen, dass sie schon mindestens genauso lange keinen Sex mehr gehabt hat. Als sie plötzlich anfangen „Über den Wolken“ von Reinhard Mey zu singen, schaue ich verzweifelt zum Notausgang, welcher in 10.000 m Höhe jedoch keine wirkliche Option darstellt.
Erleichterung durchströmt mich, als die Maschine endlich landet und sich die Türen doch noch öffnen. Draußen sind es angenehme 21 Grad Celcius. Während wir auf den rostigen Van der Mietwagenfirma warten, entdecken wir die berühmte Statue mit dem Antlitz Christino Ronaldos, die uns vor der Eingangshalle des Flughafens freundlich angrinst. Zu unserem Bedauern wurde diese kurz nach unserer Abreise durch ein „ästhetischeres“ Modell ersetzt.
Unser Mietwagen soll für die gesamte Woche keine 80 Euro kosten und noch wundern wir uns, warum das Angebot so günstig ist. Bei der Übergabe in einem schäbigen Hinterhof wird uns dann aber schnell klar wie der Preis zustande kommt. Es gibt fast keine Stelle an oder in unserem alten Fiat Panda, die nicht verbeult oder verkratzt ist. Jede Steigung – und hiervon gibt es auf Madeira mehr als genug – hätte für unseren Motor die letzte sein können und einige Tage später, auf einer steilen Bergstraße, klang das Auto auch kurz wie eine Horde kreischender YouTube-Fangirls.
Unsere Ferienwohnung, die wir gegen Nachmittag erreichen, ist dafür wirklich sehr schön und bietet mehr als genug Platz für drei Personen. Sie liegt auf einem Hügel in São Vicente im Norden der Insel und eröffnet uns einen fantastischen Blick auf den Atlantik. Während es draußen langsam dunkel wird, machen wir es uns auf auf der Terrasse vor der großen Glasfassade unserer Villa bequem, schauen aufs Wasser hinaus und sind gespannt, was uns die kommende Woche erwarten wird.

Fanal
Fanal ist bekannt für seinen Lorbeerwald, der insbesondere eingetaucht in Nebel großartige Fotomotive liefert. Obwohl wir diesen Ort mehrmals ansteuerten, schien der weiße Dunst immer überall zu sein, nur nicht hier. Doch auch ohne Nebel lohnt es sich auszusteigen und über die Hügel sowie durch den angrenzenden Wald zu spazieren.

Ponta do Furado:
Eine Wanderung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, befindet sich im Osten der Insel. Vom Parkplatz Ponta de São Lourenço geht es entlang der Klippen Richtung Ponta do Furado. Viele Aussichtspunkte auf dem Weg bieten einem spektakuläre Blicke auf die Küstenformationen und den Atlantik. Durch die Nähe zu Funchal, begegnet man hier ungewöhnlich vielen Menschen, unter denen auch viele Portugiesen und Engländer sind. Kurz vor dem eigentlichen Ziel gilt es noch einen steilen Hügel zu erklimmen, bevor man schließlich das wunderbare 360 Grad-Panorama bewundern kann. Hier erspähte Michael ganz im Osten einen kleinen Leuchtturm und ließ wenig später seine Drohne den über 2 Kilometer langen Weg über das Wasser antreten. Ich beschränkte mich darauf den nahe gelegenen Luftraum zu erkunden. Der Sportmodus war mir fremd wie den Stammgästen bei McDonalds, und so entschied ich mich erst meine Flugkünste auszubauen, bevor die Luftnummer mit einem Absturz im Meer enden würde.

Ponta do Rosto:
Biegt man auf dem Rückweg noch einmal nach rechts ab, gelangt man zum Ponta do Rosto. Abends ist man hier mehr oder weniger alleine und hat hier einen fantastischen Blick auf die Küste Madeiras.

Pico do Arieiro
Das erste Mal erreichten wir den zweithöchsten Berg der Insel zum Sonnenuntergang. Da der Parkplatz direkt neben dem Gipfel gelegen ist, trafen wir noch auf einige wenige Menschen – die meisten von ihnen auf der Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Stativ. Wer schwindelfrei ist, und früher den Gipfel erreicht, kann von hier auch eine Wanderung zum gegenüberliegend Gipfel (Pico Ruivo) unternehmen.

Bei unserem zweiten Besuch wechselte das Wetter schneller als die Lieder auf unserer Spotify-Playlist, während 40PS uns den Berg hinauf buxierten. Suchten wir die Tage zuvor noch den Nebel in Fanal, waren wir nun vollständig von ihm eingehüllt. Leider gab es auch nirgends einen Dehaze-Regler, an dem man hätte drehen können. Schnell wühlten wir durch unsere Rucksäcke, bis wir die Fernbedienungen unserer Drohnen zu fassen bekamen. Mit einem Kribbeln in den Fingern wagten wir nun, bei immer stärker werdendem Wind, den Aufstieg. Viele Höhenmeter später durchbrachen die beiden Multikopter schließlich die Wolkendecke und sahen die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwinden. Während das Licht immer dimmer wurde, nahm der Wind weiterhin an Stärke zu. Kurzerhand entschied ich mich zu einem Abbruch der Mission und versuchte die Drohne im Blindflug wieder sicher auf der kleinen, von steilen Abhängen umgebenen Plattform, zur Landung zu bringen.
Michael hingegen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und so entfernte sich seine Drohne immer weiter von unserem „Home point“. Als irgendwann das Echo der Warnmeldungen über den niedrigen Akku-Stand auf uns hereinbrach, wollte auch er – nach einer kurzen Ehrenrunde – die Heimreise antreten. Der starke Wind und die Tatsache, dass die Drohne noch fast 2 km entfernt war, machte dieses Unterfangen jedoch zu einem nervenaufreibenden Erlebnis. Die Akkulaufzeit sank immer schneller und nun bekam es auch Michael mit der Angst zu tun. Zwar hatte er vorsorglich die Zusatzversorgung DJI Care abgeschlossen; diese kann aber nur zum Einsatz kommen, wenn die Drohne oder zumindest Teile von ihr auch einschickt werden können. Im Tower machten wir uns auf eine Notlandung bereit, während gedanklich Löschfahrzeuge bereit standen. Bei 2% Akkuleistung hörte ich das Brummen der Rotoren, konnte sie aber aufgrund des Nebels noch nicht sehen. Just in dem Moment, als die 1%-Marke erreicht wurde, bekam ich sie zu Gesicht und bereitete mich darauf vor sie im letzten Momente aus der Luft zu ziehen. Die Drohne war jedoch mit 50 km/h viel zu schnell und wie eine betrunkene Wespe flatterte sie über die Plattform hinweg und krachte in die hinter uns gelegene Bergwand, bevor sie drei Meter tief auf den kleinen Bergweg stürzte. Michael gelang es noch im letzten Moment die Geschwindigkeit zu drosseln, was den Aufprall wohl etwas abschwächte (vielleicht waren es aber auch die Sensoren, die Schlimmeres verhinderten). Wie durch ein Wunder überlebte das 734 Gramm schwere chinesische Importprodukt dieses Ereignis unverletzt und wir begaben uns auf den Weg zurück.

Pico Ruivo
Der Aufstieg auf den Hausberg der Insel dauert keine Stunde, und obwohl es die meiste Zeit leicht bergauf geht, empfand ich den Weg nicht als sonderlich anstregend. Auch die Sicht von der Gipfelplattform ist überwältigend, vorausgesetzt das Wetter verwöhnt einen mit der ein oder anderen Wolke und nicht nur mit Windstärke 18 wie in unserem Fall.

Nordküste
An der Nordküste finden sich einige „natural pools“, in denen man auch Ende November noch ohne Probleme schwimmen kann. Die bekannteren liegen in Porto Moniz. Hier gibt es sowohl die Möglichkeit kostenlos zu baden als auch für ein kleines Entgelt jene Pools zu benutzen, die an ein kleines Schwimmbad angegliedert sind. Wer ein großes Becken für sich beanspruchen will, sollte unbedingt in Seixal vorbei schauen.
Ein weiteres Highlight war für uns noch eine kleine Wanderung entlang der Küste, vorbei an alten Ruinen zum Ponta de São Jorge, wo ein alter Holzsteg für die Fischer dicht an den Klippen gelegen ist.

Levada das 25 Fontes
Natürlich darf auch eine Wanderung entlang der Levadas nicht fehlen. Hierbei handelt es sich um künstlich angelegte Wasserkanäle, die das Wasser aus den regenreichen Gebieten im Norden und im Zentrum der Insel in den trockeneren Süden befördern. Von den versprochenen 25 Quellen sehen wir zwar nur einen Teil, dafür begegneten uns in den 4 Stunden mehr deutsche Rentner als der Security bei einem Helene Fischer Konzert. Interessanterweise wird man auch direkt auf Deutsch gegrüßt. Nur der portugiesische Tour-Guide einer Gruppe versuchte es zuerst in der Landessprache, schob aber sicherheitshalber auch noch ein „Guten Tag“ hinterher. Auf der Hälfte der Strecke befindet sich eine Brücke, von der man in weiter Ferne einige Wasserfälle entdecken kann und die sich ausgesprochen gut als Lande- und Startplatz verwenden lässt.
Auch am Ende der Wanderung erwartete uns ein Wasserfall und ein riesiges, in Jack Wolfskin Jacken eingehülltes, aus ehemaligen Deutschlehrerinnen bestehendes Seniorenkonglomerat. Schnell ergriffen wir wieder die Flucht, und wanderten zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Ribeiro Frio a vyhlídka Balcoes:
Das einzig schwierige an dem kleinen Spazierugang zum Aussichtspunkt Balcoes bei Ribeiro Frio ist die Parkplatzsuche an der kleinen Bergstraße. Von hier aus geht es fast ebenerdig durch einen fast mystischen Wald bis zur Aussichtsplattform. Seltsamerweise waren wir hier oben in den Bergen fast alleine und konnten so in aller Ruhe beobachten wie die Wolken über die Berghänge hinwegzogen.

Funchal
Wer noch Zeit für einen Abstecher nach Funchal hat, sollte unbedingt der Markthallte einen Besuch abstatten (Mercado dos lavradores) und hier von den vielen exotischen Früchten probieren. Auch die Statue Cristo Rei und die Cabo Girão sind zwei schöne Aussichtspunkte, auch wenn letzterer doch deutlich überlaufen ist.

Fazit:
Abschließend ist Madeira sicherlich eine Reise wert. Vielleicht blühen im November nicht ganz so viele Blumen wie dies im Frühling der Fall ist. Dafür stehen einem jede Menge günstige Ferienwohnungen zur Auswahl, auch die Flüge sind einigermaßen bezahlbar und die Temperaturen deutlich angenehmer als in Deutschland zu dieser Zeit. Insbesondere als pensionierter Lehrer mit Hüftprothese darf man sich über viele Artgenossen freuen. Aber keine Sorge, auch jüngere Generationen kommen hier mitten im Atlantik auf ihre Kosten – vorausgesetzt sie sind nicht auf der Suche nach einem Strandurlaub.
Vor unserem Abflug standen wir noch eine Weile auf der Terrasse des Flughafens, bevor ich mich als erster von der Insel verabschieden durfte. Nachdem ich meinen Sitzplatz eingenommen hatte, forderte der Steward der Germania-Maschine uns auf, Augen und Münder zu schließen, während er anschließend ein „harmloses“ Insektizid in der Kabine versprühte. Auf meinem Fensterplatz begutachtete ich noch einmal die Gipfel der Insel, bevor sie im Wolkenmeer verschwanden, und mich einige Stunden später das nasskalte Hamburger Wetter wieder ganz für sich beanspruchte.