Es ist Juli und ich warte weiterhin auf die perfekte Welle. Das Wasser schmeckt salziger als sonst. Wahrscheinlich ist dies den vielen Influencer-Tränen geschuldet, die mit jeder Algorithmusänderung wie ein Sommergewitter über uns hereinbrechen und den Meeresspiegel in letzter Zeit bedrohlich haben ansteigen lassen. Solange es ihn noch gibt, versuche ich mich am rettenden Strohhalm festzuklammern und meinen Kopf über Wasser zu halten. Aber vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt ihn irgendwann einfach loszulassen und abzutauchen, um so Platz für etwas Neues zu schaffen – ganz egal, ob man mit dieser Entscheidung am Ende baden geht oder nicht.

Inzwischen haben viele mehr oder minder bekannte Fotografinnen und Fotografen angefangen Facebook-Gruppen zu erstellen, in denen sie ihrer Gefolgschaft das Gefühl geben Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Nicht verwunderlich, dass einige dieser Gruppen sogar das Wort „Family“ im Namen tragen. Je mehr der dort beworbenen Produkte man kauft, desto höher steigt man in der Hierarchie auf – und das ganz ohne E-Meter! Nach dem Kauf erhält man als „Belohnung“ gleich das nächste Rabattangebot mit angehängtem Gültigkeitscountdown per E-Mail, Facebook-Chatbot, Insta-DM und als Snap.
Wer hingegen sein ganzes Erspartes in den Ausbau eines Campervans gesteckt hat, zwischenzeitlich so blank ist wie Boris Becker, und jetzt verzweifelt versucht die 30 Meter lange Lichterkette im Innenraum des Hipstermobils zu befestigen, kann sich alternativ auf einem Autobahnparkplatz mit einem der vielen kostenlosen, aber wenig hilfreichen E-Books beschäftigen oder sich von Podcasts berieseln lassen, die gerade aus dem Boden sprießen wie Blumen in der chilenischen Atacama-Wüste, nachdem der lang ersehnte Regen endlich Kontakt mit dem staubigen Untergrund aufgenommen hat.

Sollte ich jemals die Zeit haben einen Podcast aufzunehmen, werde ich mich mit meinem Gast zuallererst über die Theorie unterhalten, dass das Gepäckvolumen von Landschaftsfotografen proportional zu ihrem Bauchumfang zunimmt. Zudem würde ich gerne wissen, warum die Haut von Reisebloggern mit steigender Followerzahl immer orangener wird, warum viele Instagram-Stories mittlerweile so aussehen wie ein Media-Markt-Prospekt und die zugehörigen Feeds wie die Unterwäsche-Seiten eines Otto-Katalogs? Aber will ich die Antworten auf diese Fragen wirklich wissen? Wahrscheinlich nicht.
So sind es zudem viel mehr die wirklich komplexen Themen, die unsere Generation beschäftigen: „Katze oder Hund“, „Schwarzweiß respektive Farbe“ und „Kaffee vs Tee“, um nur einige zu nennen, die immer wieder auftauchen wie Werbung für gefälschte RayBan-Brillen auf gehackten Facebook- oder Instagram-Accounts.

Genauso häufig sehe ich Anzeigen für Fotowettbewerbe, denen es leider immer seltener um die Bilder geht, und wenn, dann nicht um die Person, die sie aufgenommen hat – wie das folgende Beispiel von Western Digital verdeutlicht:

Durch die Einsendung nutzergenerierter Inhalte erteilt der Teilnehmer dem Veranstalter sowie dessen verbundenen Unternehmen und Tochtergesellschaften hiermit eine bedingungslose, weltweite, dauerhafte, entgeltfreie, unwiderrufliche, nicht ausschließliche, übertragbare, abtretbare und uneingeschränkte Lizenz, die nutzergenerierten Inhalte ohne gesonderte Erlaubnis, Benachrichtigung oder Erwägung zu verändern, zu nutzen, wiederzuverwerten, zu bearbeiten, zu reproduzieren, auszustellen, zu verbreiten, zu kopieren, zu veröffentlichen und anderweitig zu verwerten, soweit dies gesetzlich zulässig ist. Diese Lizenz ist an keine weiteren Bedingungen gebunden. Außerdem verzichten die Teilnehmer dauerhaft und zugunsten des Veranstalters auf alle moralischen Rechte, Urheberpersönlichkeitsrechte und vergleichbaren Rechte oder Rechtsgrundsätze, die die Verwendung der Einsendung (oder deren Bestandteile) für die vorgesehenen Zwecke ausschließen. Einsendungen sind Eigentum des Veranstalters, ihr Erhalt wird nicht bestätigt und sie werden nicht zurückgegeben.

Mit dem Einreichen der Bilder willigt man also in die Abgabe aller Rechte ein, einschließlich der moralischen (was auch immer damit gemeint sein könnte) und dies ganz unabhängig davon, ob das Bild überhaupt zu den Preisträgern gehört. Dies sollte aber nicht die einzige Sache sein, die mich in letzter Zeit sprachlos machte.

Vor kurzem bekam ich von Adobe eine VIP-Einladung zu einem Vortrag von Scott Belsky, dem Mitbegründer von Behance. Und so saß ich an diesem Abend in der U3 Richtung St. Pauli und betrachtete irritiert die mit tausenden glitzernden Schmucksteinen bestückte Handyhülle eines Tweens. Ob sie weiß, dass in privaten amerikanischen Haushalten mehr Tiger leben als in freier Wildbahn?
Auf der Reeperbahn angekommen, waren es jedoch keine Raubkatzen, sondern drei große Securtiy-Gorillas, die mir den Weg zum Fahrstuhl versperrten, mich dann aber einen Moment später mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht passieren ließen. Am Empfang wurde mir direkt mein Namensbadge überreicht, welcher anschließend auf der großen Terrasse um meinen Hals baumelte und mit mir den Sonnenuntergang über den Dächern der Stadt genoss. Mit der Dunkelheit begab ich mich auf die Suche nach bekannten Gesichtern und wurde am Ende im Badezimmerspiegel fündig. Mit großen Augen begutachtete ich mein Gegenüber. Wer hatte uns hier her eingeladen und warum? Ich ärgerte mich, dass ich keinen Hundewelpen mitgenommen hatte, um hier mit anderen leichter ins Gespräch zu kommen. Irgendwie schaffte ich es am Ende auch ohne Fellknäuel auf meinem Arm neben einigen netten Gesprächspartnern auch meine Stimme wieder ausfindig zu machen. Das Essen schmeckte übrigens deutlich besser als Bibi’s Duschschaum.

Die nächste Zeile katapultiert uns aus dem Hamburger Schanzenviertel nach Singapur, wo einer der „Sony-Alpha-Ambassadors“ Stockfotos und Arbeiten anderer Fotografen als seine eigenen ausgegeben hat. Während er Sony als Werbepartner verlor, gewann er durch die weltweite Berichterstattung jedoch viele neue Follower hinzu. Vielleicht bietet er ja auch wie viele andere bald Networking-Marketing-Seminare an. Der Traum vom schnellen Geld führt bei vielen Menschen wohl regelmäßig zu einem Kurzschluss in jenem Hirnareal, wo der gesunde Menschenverstand lokalisiert ist. Wie sonst kann man sich erklären, dass Leute Geld für belanglose Phrasen bezahlen, die ein Spätpubertierender mit umgedrehter Baseballcap und rotem Sakko in die Menge posaunt. Aber solange die Nachfrage besteht, wird es auch immer einen Markt für solche Dinge geben. Und mit etwas Glück reicht das Geld am Ende noch für die Heimfahrt im Douglas Beauty ICE.

Auf kurze und auf lange Sicht werde ich also wohl keine Einladungen von Luxus-Hotels bekommen oder mit gesponserten Premiumfahrzeugen durch die Gegend fahren. Zum Glück hindert einen das nicht daran die Welt zu entdecken, großartige Menschen kennen zu lernen und sich selbst weiter zu entwickeln, auch wenn die (sozialen) Medien uns immer wieder das Gegenteil weiß machen wollen. In dem Fall hilft es nur sich wie ein Gürteltier zusammenzurollen und abzuwarten, bis die vielen Stimmen da draußen wieder leiser werden. Manchmal ist weniger einfach mehr.